Der Klang der Mühle

Eine autentische Geschichte

Einleitung

Im Rahmen des Seniorentreffs der Ortsteile Thierbach und Trages im Oktober 2026 war die Bibliothekarin der Stadt Kitzscher, Frau Nicole Görnitz-Köhler, zu einer Lesung eingeladen. Mit ihren selbst verfassten Herbstgeschichten sowie Erzählungen, die auf wahren Begebenheiten beruhen, begeisterte sie die Zuhörerinnen und Zuhörer.

Der literarische Nachmittag im Gasthof Thierbach fand großen Anklang. Viele Besucher äußerten den Wunsch, die Geschichten auch einem größeren Leserkreis zugänglich zu machen. Diesem Wunsch kommen wir gerne nach und veröffentlichen künftig regelmäßig Beiträge von Frau Nicole Görnitz-Köhler hier im Bereich der Bibliothek.

Der Klang der Mühle von Thierbach

Der Oktoberwind trieb die bunten Blätter des alten englischen Parks am Rittergut Thierbach vor sich her. Über den weiten Feldern in Richtung Kitzscher stand die Luft kühl und klar, und von den Streuobstwiesen um Dittmannsdorf drang der herbe Duft von reifen Äpfeln und Quitten herüber. Es war die Zeit, in der das ländliche Leben für einen Moment innehielt, um die Kirmes zu feiern.

In der alten Wassermühle am Bachlauf der Eula, unweit von Thierbach gelegen, brannte schon vor dem Morgengrauen Licht. Der junge Müllerbursche Johann stand in der staubigen Radstube. Die Wochen nach der Getreideernte waren hart gewesen; Tag und Nacht hatte sich das mächtige Wasserrad gedreht, um das Korn der Bauern aus Braußwig und den Nachbardörfern zu Mehl zu verarbeiten. Nun aber schwiegen die hölzernen Zahnräder. Die schweren, mächtigen Mühlsteine waren vom vielen Korn stumpf gemahlen.

„Johann“, sagte der alte Meister und reichte dem Burschen die schwere, spitze Steinhacke. „Die Steine sind glatt wie Eis. Wenn wir sie nicht bis zum Abend scharfen, gibt es für die Kirmes in Thierbach kein feines Mehl. Und ohne Mehl kein Kirmeskuchen. Setz dich ran!“

Das Ockern – das Scharfen der Mühlsteine – war eine mühsame Stümperarbeit, die Geduld und Präzision verlangte. Stunde um Stunde saß Johann im fahlen Licht der Mühle, schlug mit der Hacke feine Rillen in den harten Sandstein und lauschte dem gleichmäßigen Pick-Pick-Pick, das durch das Gebäude hallte. Seine Arme waren schwer, und die Finger schmerzten von der Kälte.

Am Nachmittag klopfte es an das schwere Mühlentor. Draußen standen die Burschen aus Thierbach und Dittmannsdorf. Sie trugen die Kirmes-Rute – einen großen, prächtig mit bunten Bändern, Hagebutten und Herbstblumen geschmückten Birkenzweig. Mit diesem Brauch zogen sie traditionell von Hof zu Hof, um die Familien zum abendlichen Kirmestanz im Thierbacher Gasthof einzuladen.

„Komm mit, Johann!“, riefen sie. „Die Arbeit kann warten, das Bier ist frisch angeschlagen und die Mädchen putzen schon die Stuben!“

Johann blickte sehnsüchtig auf den bunten Kirmesbusch, schüttelte dann aber traurig den Kopf. „Ich kann nicht, Freunde. Der obere Stein ist noch nicht zur Hälfte fertig. Wenn ich jetzt gehe, bleiben die Öfen der Dorfbäcker morgen kalt.“ Die Burschen zogen lachend weiter, und ihr Gesang verhallte im herbstlichen Wind. Johann hob die Hacke und arbeitete weiter, während draußen die frühe Herbstdämmerung heraufzog.

Als die Dunkelheit die Mühle ganz verschlungen hatte und Johanns Öllampe nur noch spärlich brannte, setzte der Nebel ein. Er kroch von der Eula herauf und legte sich wie ein weißes Tuch über den Weg zwischen Thierbach und Braußwig.

Plötzlich hörte Johann ein lautes Rufen draußen am Wehr. Er legte die Hacke beiseite, öffnete das Tor und trat mit der Laterne hinaus in den nassen Nebel. Am Ufer stand ein schwerer Pferdewagen, vollbeladen mit Kisten. Es war der Kutscher des Thierbacher Rittergutes. Er war auf dem Rückweg von der Stadt im dichten Nebel vom Weg abgekommen und hatte sich mit dem schweren Gespann fast im schlammigen Ufer der Eula festgefahren. Die Pferde schnaubten verängstigt.

„Helft mir, Müller!“, rief der Kutscher verzweifelt. „Der Nebel ist so dick, ich sehe das Wehr nicht mehr. Wenn der Wagen kippt, ist die gesamte Ladung für das Schloss verloren!“

Johann zögerte nicht. Er kannte jeden Stein und jeden Graben an der Eula in- und auswendig. Er nahm seine helle Laterne, watete mutig durch den herbstlichen Schlamm und packte das Zaumzeug des vorderen Pferdes. Mit ruhigen Worten und sicherem Schritt führte er das Gespann blind durch das weiße Grau, vorbei an den gefährlichen Tiefen des Mühlgrabens, hinauf auf den festen, sicheren Weg nach Thierbach.

Der Kutscher atmete tief aus und strich sich den Schweiß von der Stirn. „Das vergesse ich dir nicht, Bürschchen“, sagte er dankbar. Er griff unter die Plane des Wagens und zog ein großes, schweres Blech hervor. Es war der erste, fangfrische Kirmeskuchen, dicht belegt mit Pflaumen und Streuseln, den die Gutsköchin am Nachmittag für die Herrschaft gebacken hatte. „Für dich und den Meister. Als Dank für die Rettung in der Not.“

Als Johann spät am Abend in die Mühle zurückkehrte, war er erschöpft, aber glücklich. Die Wärme des frischen Kuchens zog durch die kalte Radstube. Mit neuer Kraft setzte er sich an den Mühlstein und schlug die letzten Rillen in den Stein. Das Pick-Pick der Hacke klang nun fast wie die Musik des Kirmestanzes.

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    Hören Sie es ganz leise, dass Ping Ping Ping des Müllerburschens.JPG